2018- durch den Regen

Liebes 2018, ich muss es dir leider sagen- du bist ein Blödarsch! Da brauchst du gar nicht sagen, dass du so viel Sonnenschein mitgebracht hattest, erstens bin ich kein Fan des Klimawandels und der dazugehörigen Hitze und zweitens fühlte sich eh größtenteils alles nach Regen an. Wahrscheinlich habe ich noch nie so viel geheult, wie in diesem Jahr. Abschiede, Verluste, gegen Wände laufen und so viel zu tragen, dass ich irgendwann unter all der Last einfach zusammengeklappt bin. Und dann nicht zu vergessen all das, was wieder in der Welt passiert und wo kamen eigentlich all der Hass und diese ganzen Nazis her? Ach du blödes Jahr, du hast es mir so schwer gemacht, dich überhaupt ansatzweise zu mögen.

Aber dann sitze ich da wieder mit meiner Jahresplaylist und scheiße, die Songs erinnern mich an so viel Schönes in diesem Jahr: da war doch das Konzert und das andere und das und das, dann waren da
die tollen Urlaube (Irland und Delphine <3), ich alleine am Meer (und alleine auf dem Riesenrad!) und ich mit dir am Meer, du an meiner Seite, wir das beste Team und bei diesem Song denke ich an dich und bei dem anderen an dich und da an dich. Oder hey da war ja auch der Cologne und der Amsterdam Pride ( ich empfehle übrigens
jedem, der denkt, es gibt zu viel Hass auf der Welt mal einen Pride
zu besuchen. So viel Liebe!) und bei diesen Songs wird mir wieder bewusst, dass #wirsindmehr stimmt, aber sowas von und, und, und.
Und ja wenn ich „Freiheit“ von Marius Müller Westernhagen höre, dann weine ich, weil ich an meinen Vater denke, aber es erinnert mich auch daran, dass wir endlich in diesem Song mal einen
gemeinsamen Song hatten, den wir liebten und es gibt mir Trost, weil ich weiß, dass er jetzt die Freiheit hat, die er sein Leben lang
nicht hatte.

Manchmal weiß ich selbst nicht, wie ich es schaffe, mich trotz allem, an so vielem zu erfreuen, aber genau das hat mich durch den Regen gebracht und ich bin froh, dass ich das zulassen konnte, auch dank der vielleicht nicht vielen, aber der richtigen Menschen um mich herum. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Es gab genügend Tage, da fiel es mir schwer aus dem Bett zu kommen, aber 2018, so scheiße du auch warst, ist die Welt für mich immer noch ein wunderbares Wunder. Dafür bin ich dankbar.

„Wir wachen auf mit Sorgen
Wachen auf mit Falten
Wachen auf mit ’nem Lächeln im Gesicht
Jemand geht, wir holen Wasser
Löschen sein Feuer
Trotzdem vergessen wir ihn nicht

Denn wir leben auf einem Blauen Planeten
Der sich um einen Feuerball dreht
Mit ’nem Mond der die Meere bewegt
Und du glaubst nicht an Wunder
Und du glaubst nicht an Wunder
Und ein Schmetterling schlägt seine Flügel
Die ganze Erdkugel bebt
Wir haben überlebt
Und du glaubst nicht an Wunder“

Welt der Wunder- Materia

Meine Playlist 2018

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Der leere Sessel

Je näher Weihnachten rückt, um so mehr habe ich Angst vor diesem leeren Sessel am 1. Weihnachtstag.

Alle sagen, das erste Jahr ist das schwerste. Das erste Mal der eigene Geburtstag, das erste Mal sein Geburtstag  und besonders das erste Mal Weihnachten.  Jetzt ist es also so weit: Weihnachten ohne dich und das Motto ist: „irgendwie dadurch kommen“.

Damit alles erträglicher wird, kümmere ich mich um mich. Tue Dinge, die mir gut tun. Passe auf mich auf, gehe nicht in die Stadt, wenn ich die Menschen nicht ertragen kann, kuschel mich lieber in meine dicke Decke ein, gehe auf Konzerte, wenn ich die Ablenkung brauche, versuche bewusst Dinge zu genießen, verbringe Zeit alleine, verbringe Zeit mit den richtigen Menschen,  aber am wichtigsten: ich erlaube mir, traurig zu sein. Es ist ok. Ich weine. Ich weine viel, aber es hiflt. Es muss raus.

Es ist eben wie es ist, du fehlst. Das lässt sich nicht leugnen. Die Zeit mit dir war nicht immer leicht, aber Weihnachten mit dir war immer besonders für mich. Du hast es geliebt, du hast die besten Geschenke gemacht, wir haben alle Weihnachtsfilme zusammengeguckt und du liebtest es alles zu dekorieren. An Heilig Abend war es immer unser Ding gemeinsam den Weihnachtsbaum zu schmücken. Ich denke in den letzten Tagen so viel daran. Ich Danke dir für diese schöne Zeit.

Ich habe dir zumindest ein bisschen Weihnachtsdeko hingestellt. Ich hoffe, es gefällt dir.

3 Tage

Schon einige Tage vorher bemerkte ich, dass etwas passiert in meinem Körper und einen Tag, nachdem meine Periode ausblieb, machte ich den Schwangerschaftstest und er war positiv. (Die 2 anderen Tests, die ich -Call me Kontrollfreak- zur Überprüfung machte, ebenfalls.)  Im ersten Moment war ich voller Panik mit hunderten Ängsten, ohne das alles irgendwie einordnen zu können. Mein Mann dagegen freute sich sehr. Ich sagte ihm, dass man ja nicht weiß, was passiert und ich mich nicht so recht freuen kann. Doch die 2 darauffolgenden Tage war ich plötzlich ganz ruhig, entspannt und zufrieden und so etwas wie Freude stieg doch in mir auf.  Ich erkannte mich selbst kaum wieder.

3 Tage wusste ich sicher, dass ich schwanger war. Am vierten Tag bekam ich Krämpfe und Blutungen und alles war vorbei, bevor es richtig begonnen hatte.

Es war an einem Sonntag und mein Mann und ich beschlossen die Notfallambulanz eines Krankenhauses aufzusuchen. Ich war mir zwar sicher, dass ich nicht mehr schwanger sein konnte, aber ich wollte das trotzdem medizinisch abklären lassen. Schließlich hatte ich so eine Situation noch nie und war extrem verunsichert und Dr. Google half nicht gerade dabei, mich zu beruhigen. Als wir im Krankenhaus ankamen, wäre ich am Liebsten wieder gegangen. Es wirkte chaotisch, wir wussten nicht, wo wir hin sollten und alles sah unfreundlich aus. Dazu wurden wir mit den Worten einer Krankenschwester empfangen „Ach, kurz vor der Periode sind die Tests doch immer positiv“ und es wurde gemutmaßt, ob ich denn überhaupt schwanger gewesen sei. Mir wurde ein Becher für meinen Urin in die Hand gedrückt und anschließend sollte ich mich in den Warteraum setzen, es könne aber sicherlich so drei Stunden dauern. Ich hatte starke Schmerzen, war erschöpft und überfordert mit allem. Dazu kam, dass ich zuletzt einige Monate zuvor in einem Krankenhaus gewesen bin, um meinen toten Vater zu sehen und dieses Bild blitze andauernd vor meinen Augen auf, als ich in Richtung Warteraum taumelte. Diesen erreichte ich aber nicht, weil mir schwarz vor den Augen wurde und ich zusammenklappte. Krankenschwestern brachten mich in ein kaltes Krankenzimmer, das noch unfreundlicher als der Rest des Krankenhauses wirkte und in dem man nicht anders konnte, als auf den großen Dreckfleck an der Wand zu starren. Mir wurden die Beine hochgelegt und der Blutdruck überprüft, der natürlich im Keller lag, und ließ mich wieder alleine. Ich war sehr dankbar, dass mein Mann dabei war. Ich glaube, sonst hätte ich das all diese Ängste gar nicht aushalten können. Später kam noch eine Patientin in das Bett neben mir dazu, die mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht wurde. Ihr wurde gesagt, dass sie warten müsse, ich sei ja schließlich auch noch vor ihr dran. Nach 30 Minuten kam eine der netteren Krankenschwestern kurz rein und schaute, ob ich ok war und nach ca.  90 Minuten wurde ich in einem Rollstuhl in den Warteraum gefahren. In diesem viel zu kleinem Raum saß ich inmitten von Babys und Kleinkindern. Nach nur kurzer Wartezeit durfte ich nun endlich zu einer Ärztin.  Diese war auch sehr nett, aber auch sie gab mir erst das Gefühl, dass sie nicht glaubt, dass ich wirklich schwanger war, besonders nachdem der Urintest im Krankenhaus sich bereits als negativ herausstellte.  Als ich aber beteuerte, dass ich drei positive Tests hatte, sagte sie, dass es nach einem „Abgang“ (schreckliches Wort) aussehe und nahm mir Blut ab. Sie erwähnte aber dazu nochmal, dass wenn ich nicht so früh einen Test gemacht hätte, ich ja nichts gemerkt hätte.
Als soweit beim Ultraschall nichts auffälliges zu sehen war, wurde ich nach Hause geschickt. 2 Stunden später durfte ich im Krankenhaus anrufen, um meine Ergebnisse des Bluttests zu erfahren. Am Telefon sagte man mir im ernsten Ton, wie hoch mein HCG Wert sei und dass ich alles weitere mit meiner Gynäkologin besprechen solle. Im ersten Moment löste dies eine Panikattacke in mir aus, weil man mir nicht sagen konnte, was das bedeutet. Erst eine Freundin, die ähnliches erlebt hatte, konnte mich beruhigen und mir das zumindest ansatzweise erklären. Den Montagvormittag verbrachte ich nach einer schlaflosen Nacht in der Praxis meiner Ärztin. 3 1/2 Stunden musste ich im Wartezimmer warten, wieder zwischen Müttern mit ihren Neugeborenen und ich war kurz davor wieder nach Hause zu gehen, weil ich nur noch zurück in mein Bett wollte. Als ich aber endlich an der Reihe war, nahm die Ärztin sich sehr viel Zeit für mich. Sie erklärte mir, dass der HCG Wert schon gesunken sei (deswegen auch der negative Schwangerschaftstest im Krankenhaus), aber der Beweis dafür sei, dass ich schwanger gewesen bin und ich eben eine sehr frühe Fehlgeburt hatte. Sie war sehr einfühlsam, versuchte mir Mut zu machen, machte mir keine Vorwürfe und bat mir auch an, mich erstmal einige Zeit krank zu schreiben.

 
In den nächsten Tage machte ich mir immer wieder Gedanken- war es meine Schuld? Was habe ich wohl falsch gemacht? Dazu eine bleiernde Traurigkeit, die ich selbst kaum beschreiben kann. Und selbst, wenn ich mich zwischendurch ablenken konnte, so erinnerte mich spätestens ein starkes Ziehen im Bauch daran, was passiert war.  Erst wollte ich nicht darüber reden, kam mir fast lächerlich vor. Wer redet schon öffentlich über seine Fehlgeburt? Und dann über so eine frühe? Ich war ja laut Ärztin aus dem Krankenhaus selbst Schuld, dass ich den Test so früh gemacht habe. Sonst hätte ich doch gar nichts mitbekommen. (außer natürlich, dass ich mich gefragt hätte, was denn eigentlich mit meinem Körper in den 2 Wochen los war, in denen er mit mir Achterbahn gefahren ist.) Es war ja nur so kurz und da hatte sich ja noch nicht richtig etwas entwickelt, wie kann ich da jetzt traurig sein?! Aber diese Gefühle bilde ich mir nicht ein, sie sind da und ich kann sie mir nicht einfach absprechen. Das was mir passiert ist, passiert andauernd. In meinem Freundes- und Familienkreis weiß ich von 5 Frauen, die Fehlgeburten hatten und vielleicht sind es noch mehr und doch habe ich das Gefühl, das alles ist ein Tabuthema. Bei mir war es sehr früh und selbst das hat etwas mit mir gemacht, ich will mir nicht ausmalen wie es für Frauen ist, die länger schwanger gewesen sind oder sogar solche Situationen häufiger durchgemacht haben.  Vielleicht hilft es darüber zu reden, vielleicht würden dann auch die Selbstvorwürfe aufhören. Vielleicht würde man dann auch öfter ernst genommen werden. Vielleicht ist es auch heilsam zu wissen, dass man eben nicht alleine ist, mit all diesen verwirrenden Gefühlen.

 

Leben und leben lassen

Gestern habe ich mal wieder etwas sehr dummes gemacht. Ich habe Kommentare unter einem Zeitungsartikel bei Facebook gelesen. Warum ich mir das regelmäßig immer mal wieder antue, weiß ich selbst nicht so recht. Anscheinend stehe ich auf Schmerzen.

Jedenfalls ging es in dem Artikel um das Thema „Offene Beziehung“. Die Kommentare darunter waren überwiegend kritisch, wertend bis zur absoluter Empörung. „Monogame Beziehung ist die einzig wahre“, „das ist krank“, „sowas ist keine Liebe“ usw.. Einer schrieb sogar, dass durch solche Artikel Ehen zu Grunde gehen und das Modell Vater- Mutter- Kind aussterben würde. Es klang fast als habe dieser User Angst, dass ihm etwas weggenommen wird, nur dadurch, dass darüber berichtet wird, wie jemand eine andere Lebensweise hat. Warum sind Menschen so? Ähnlich wenig verständnisvolle Kommentare kann man übrigens auch z.B. zum Thema vegane Lebensweise oder andere verschiedene Beziehungs- und Lebensmodelle lesen. Alles was erstmal anders klingt, scheint bei manchen Menschen Panik auszulösen. Warum eigentlich? Du musst nicht danach leben, aber wenn es jemand anderes tut, schadet er dir doch nicht damit. Und by the way nur weil ein Pärchen eine offene Beziehung führt, wird dir doch nicht deine (vielleicht) monogame Beziehung weggenommen. Ebenso wenn jemand vegan lebt, nimmt er dir doch dadurch nicht dein Fleisch weg.

Und warum soll es nicht eigentlich auch andere Beziehungsmodelle geben? Es ist doch kein Geheimnis, dass das „typische“ Lebensmodell für viele nicht funktioniert. Es gibt hohe Scheidungsraten und wenn ich mich im Freundes- und Bekanntenkreis so umsehe (oder bei Twitter) , weiß ich doch von ziemlich vielen, dass sie schon einmal oder öfter fremd gegangen sind.

Jeder muss selbst herausfinden, wie er leben möchte. Ich kann dazu denken, was ich möchte und ich z.B. denke sehr viel, sehr oft (zu viel) zu verschiedenen Themen, aber ich verurteile nicht.   Ist es nicht auch schön, dass es so viele verschiedene Menschen und Lebensweisen gibt und dass ich heutzutage mir selbst überlegen kann, wie ich leben möchte? Es schadet übrigens nicht, auch mal über den eigenen Tellerrand zu gucken. Wie wäre es mal mit ein bisschen mehr Toleranz? Und wie wäre es mal einfach mit leben und leben lassen? Das tut gar nicht so weh, im Gegenteil.

 

 

Ich werde nie verstehen

Ich werde nie verstehen, wieso du pauschal Menschen verurteilst, nur weil sie aus einem anderen Land kommen. Was haben sie dir eigentlich alle persönlich getan? Du kennst sie alle? Ach kann es sein, dass du vielleicht keinen einzigen kennst?

Ich werde nie verstehen, wieso du meinst, dass dieses Land hier nur „den Deutschen“ gehört. Wieso soll überhaupt ein Land irgendwem gehören?

Ich werde nie verstehen, warum du denkst, dass man etwas besseres ist, nur weil man in Deutschland geboren wurde. Was hast du denn dafür geleistet?

Ich werde nie verstehen, wieso du Menschen, die aus dem Krieg kommen, die Hilfe suchen, nicht helfen möchtest „Wir haben ja hier viel wichtigere Probleme!“ Ach ja, wurde dein Haus auch weggebommt? Musstest du auch jeden Tag Angst haben zu sterben? Weisst du überhaupt, was Krieg bedeutet? Wo ist eigentlich dein Mitgefühl?

Ich werde nie verstehen, wieso du Menschen durch die Straßen jagst, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Wieso du Menschen einfach mal etwas „antun möchtest“, obwohl du sie nicht kennst. Was macht dir solche Angst, dass du denkst, dass du dich „verteidigen“ musst? „Verteidigen“ wovor eigentlich?

Ich werde nie verstehen, wieso du dir Zeiten zurückwünschst, in denen überall Hakenkreuze zu sehen waren. Ich werde nie verstehen, warum du zu den Rechten gehörst. Ich werde nie verstehen, wie du den kompletten Geschichtsunterricht verpennt hast.

Ich werde nie verstehen, wieso du diesen Hass mit dir rumträgst.

 

8 Wochen

Seit 8 Wochen ist mein Vater nicht mehr da. Die Wochen verfliegen so schnell, dass ich oft vergesse, welcher Tag heute ist. Es kommt mir so unrealistisch vor, wo ist eigentlich der Mai und Juni hin?

Es gibt wieder gute Tage. Tage an denen ich durchatme und auch schöne Stunden habe. Dafür bin ich sehr dankbar. Trotzdem habe ich weiterhin permanent das Gefühl, müde und erschöpft zu sein. Und oft bin ich traurig und weine. Ich denke, es braucht Zeit, sehr viel Zeit. Zeit, die ich mir gebe und ein paar wenige tolle Menschen, die mir sehr nah sind, auch. Ich bin sehr froh über dieses Verständnis, denn viele andere um mich herum, agieren mittlerweile als sei alles wie vor dem 2. Mai. Jeder lebt eben in seinem eigenen hier und jetzt und Menschen vergessen. Es scheint außerdem diese allgemeine Annahme zu geben, dass nach 4 Wochen, spätestens 6 Wochen, alles wieder „normal“ sein sollte. Die Gesellschaft hat nicht genügend Platz für Trauer, aber Trauer hat kein Verfallsdatum.

Ich bin dankbar, wenn jemand meinen Vater anspricht oder wenn ich ernsthaft gefragt werde, wie es mir geht. Mit all dem klar zu kommen, es zu verarbeiten, ist leichter, wenn Verständnis da ist und wenn man das Gefühl hat, dass es ok ist, wie man gerade ist. Auch wenn es eben „schon“ 8 Wochen her ist.

Danke, Musik!

Die Woche war viel, zu viel. Druck, Stress, Ängste, Sorgen, wenig Schlaf. Ich kann nicht mehr. Ich möchte ins Bett, einfach nur die Decke über den Kopf ziehen und niemanden sehen. Stattdessen stehe ich angespannt mit dicken Augenringen in einer Menge von Leuten, nippe an meinem Bier und gähne.

Die Menge um mich herum fängt an zu jubeln. Die Band betritt die Bühne.

Der erste Ton erklingt. Immer mehr Töne kommen dazu und erreichen meine Ohren. Die Töne wandern langsam durch meinen Körper. Es fängt an zu kribbeln. Leicht wippt der eine Fuss auf und ab, dann der andere. Die Töne krabbeln weiter durch den Körper. Sie kommen im Herzen an. Von da aus schaffen sie es bis in den Kopf. Sie löschen dunkle Gedanken, Sorgen, Ängste einfach so aus, als wenn sie nie dagewesen wären.

Ich bin wach. Ich bin hier. Ich bin ich.

Mein Körper bewegt sich immer mehr. Die Anspannung, die ich seit Wochen mit mir rumtrage, fällt von mir ab und meine Hüften fangen an sich hin und her zu bewegen. Alles an mir verbindet sich mit der Musik.

Ich singe schief, ich tanze merkwürdig, ich springe dämlich auf und ab.

Alles egal.

Ich bin frei.

Ich bin glücklich.

Danke, Musik!

Ach Papa

Ach Papa, jetzt sind es schon 5 Wochen her. Vor 5 Wochen, als du wie immer morgens Kaffee gemacht hast, dich danach in deinen Sessel gesetzt hast und einfach für immer eingeschlafen bist. Als ich dich im Krankenhaus gesehen habe, warst du schon weg. Da lag nur noch deine Hülle, aber du warst weg. Einfach so. Es fällt mir schwer, das zu begreifen. Zu verstehen, dass du nicht wie immer der erste sein wirst, der mich an meinem Geburtstag anruft. Wenn ich zu Hause anrufe, gehst du nicht mehr mit deiner etwas zu lauten und unhöflichen Stimme ans Telefon und wenn ich nach meinem Urlaub nach Hause kommen werde, werden wir nicht mehr deinen perfekten Kaffee trinken und du wirst nicht zu mir sagen „ ach die WM! Die Nationalmannschaft, was soll das werden. Die können doch nichts!“. Ach ich sag dir, das jetzt hier ohne dich, was soll das werden! Das ist ganz schön Scheisse.

Wie gerne würde ich dir jetzt erzählen, dass ich Delfine gesehen habe und einen sogar ganz nah. Weißt du noch als wir damals zusammen im Kino waren, in Daffy und der Wal. Damit fing meine Faszination für diese Tiere an. Wir haben nicht oft etwas alleine unternommen. Du warst halt ein schwieriger Mensch. Eben anders als die anderen. Erst später wurde mir bewusst, dass du wohl sehr gelitten hast. Dass du Depressionen, vermutlich eine Sozialphobie und Ängste gehabt haben musst. Nicht wirklich weiss ich, was dir passiert ist und immer mehr Fragen tauchen auf, jetzt wo du weg bist. Aber ja du wirst es sehr schwer gehabt haben. Du konntest nichts dafür, wie du warst. Ich habe viele schwierige Erinnerungen, die sind eben da und sind nicht auszulöschen, aber zu wissen, warum das so war, zumindest ansatzweise, macht es leichter. Verziehen habe ich dir dafür schon lange. Ich wünschte nur, dass du dir Hilfe geholt hättest, dass du mal einfach über alles geredet hättest. Aber das konntest du nicht. Du hast es sicher nie gelernt. Irgendwie wirktest du immer, als seist du gefangen. Jetzt bist du frei…

Ich möchte aber im Leben frei sein, deswegen versuche ich über die Dinge zu reden, mir helfen zu lassen, zu leben, die Welt zu entdecken und frei zu atmen. Das ist schwer, aber möglich. Ich wünschte, du hättest das gewusst.

Wir haben nie so wirklich über Gefühle gesprochen, aber ich hoffe, du weisst, wie sehr ich dich geliebt habe. Sogar so sehr, dass ich jetzt sogar dein Gemotze vermisse. Oder auch dein schönes, lautes Lachen und deine manchmal schlechten Witze. Ach ich habe keinen Plan, wie das alles einfach so weiter gehen soll. Aber das wird es, weil es immer weitergeht und sicher wird es auch von Tag zu Tag vielleicht ein Stückchen leichter. Nur fehlen wirst du immer.

Vielleicht

Vielleicht schreibe ich

Vielleicht sage ich es ihr

Vielleicht erzähle ich es ihm

Vielleicht gehe ich dort hin

Vielleicht versuche ich das

Vielleicht probiere ich dies

Vielleicht mache ich es

Vielleicht habe ich oft gesagt

Vielleicht habe ich zu oft gedacht

Vielleicht wird es Zeit

Vielleicht nicht mehr zu benutzen

Vielleicht ist es sonst zu spät

 

Irgendwann in den 90ern

„And as I try to make my way
To the ordinary world
I will learn to survive“ Duran Duran- Ordinary world

Irgendwann in den 90ern lag ich auf meinem Bett und hörte diesen Song und war sehr traurig. Traurig über diese Welt, die irgendwie nicht so richtig zu mir passte. Ich war fehl am Platz, so dachte ich.

„But I’m a creep, I’m a weirdo.
What the hell am I doing here?
I don’t belong here.“ Radiohead – Creep

Aber Musik, sie verstand mich.

„Sometimes I give myself the creeps
Sometimes my mind plays tricks on me
It all keeps adding up
I think I’m cracking up“  Green Day- Basket Case

Musik fühlte mit mir. Sie verstand mein Chaos in meinem Kopf. Mit ihr zu singen half dabei sehr.  Dabei war es ihr egal, wie schief ich dabei klang.

„And so I cry sometimes
When I’m lying in bed just to get it all out
What’s in my head
And I, I am feeling a little peculiar
And so I wake in the morning
And I step outside
And I take a deep breath and I get real high
And I scream from the top of my lungs
What’s going on?
And I say, hey yeah yeah, hey yeah yeah
I said hey, what’s going on?
And I say, hey yeah yeah, hey yeah yeah
I said hey, what’s going on?“  4 Non Blondes-What`s up

Wenn ich traurig war, hielt sie mich fest, anstatt zu sagen „ach lach doch mal“.

„Cause it’s a bittersweet symphony this life“  the Verve- bitter sweet symphony

Sie verstand, dass ich einfach auch manchmal gerne nicht fröhlich war.

„I’m only happy when it rains
I feel good when things are goin‘ wrong
I only listen to the sad, sad songs
I’m only happy when it rains“  Garbage- only happy when it rains

 

Auch war sie da, wenn ich unglücklich verknallt war.  Nur sie wusste, was los war.  Nur ihr sagte ich es.

„And I don’t want the world to see me
‚Cause I don’t think that they’d understand
When everything’s meant to be broken
I just want you to know who I am“  Goo Goo Dolls-Iris

 

Oft mochte ich es, wenn wir dann gemeinsam ganz kitschig wurden.

„I love you more with every breath truly madly deeply do.“ Savage Garden- Truly, Madly, Deeply

An schlechten Tagen, gab sie mir Hoffnung. Immer und immer wieder.

„When you’re sure you’ve had enough
Of this life
Well hang on
Don’t let yourself go
‚Cause everybody cries
And everybody hurts sometimes“ REM- everybody hurts 

Sie baute mich auf.

„Phoenix from the flames, we will rise together. They will know our names, can you feel it?
Shelter me from pain“Robbie Williams-Phoenix from the flames

Wenn ich fröhlich war, freute sie sich mit mir und wir tanzten zusammen in meinem Zimmer.

 „So tell me what you want, what you really, really want
I wanna, (ha) I wanna, (ha) I wanna, (ha) I wanna, (ha)
I wanna really, really, really wanna zigazig ah“ Spice Girls- Wannabe

Dabei war es ihr auch hier ganz egal, wie dämlich ich dabei aussah.

„Relight my fire, your love is my only desire
Relight my fire ‚cause I need your love“  Take That ft. Lulu – Relight my fire

Wenn ich wütend war, schrie ich zusammen mit ihr.

„And I’m here, to remind you
Of the mess you left when you went away“  Alanis Morisette- You oughta know

Wenn ich druchgeknallt und aufgedreht war, sprang sie mit mir auf und ab.

„Wooooo hoooo!
Wooooo hoooo!
Wooooo hoooo!
Wooooo hoooo!“ Blur- song 2

Manchmal war sie dabei schön laut und ich mit ihr. Und sie schaute mich deswegen nicht dumm an, obwohl ich doch eigentlich „die ruhige“ war. Sie hinterfragte es nicht und ließ mich sein, wie ich wollte.

„I’m a firestarter, twisted firestarter
You’re the firestarter, twisted firestarter“ Prodigy-Firestarter

Musik ließ mich ich sein. Immer.

Damals und heute.

I’m free to be whatever I
Whatever I choose
And I’ll sing the blues if I want

Whatever you do
Whatever you say
Yeah I know it’s alright“ Oasis- Whatever